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Wir informieren uns zu Tode

Eine Buchrezension …

Rezension von Michael Franz

Wie informieren uns zu Tode


  • Ein Befreiungsversuch für verwickelte Gehirne
    Von Gerald Hüther und Robert Burdy
    HERDER-Verlag
    ISBN 978-3-451-60900-8
    2022, 239 Seiten, 22,00 €

Der ebenso renommierte wie engagierte Gehirnforscher Gerald Hüther widmet sich hier im Gespann mit dem Journalisten und Medientrainer Robert Burdy nicht vordergründig Aspekten wie den überbordenden Anglizismen oder einer oft absurden Gendersprache – es geht tiefer! Bewusst anknüpfend an das legendäre „Wir amüsieren uns zu Tode“ des Medienökologen Neil Postman, gehen sie zunächst dem eigentlichen, evolutionären Zweck und Sinn von Informationen und Informationsaustausch für gelingende Gemeinschaften auf den Grund. Und erst daraus wird verständlich, welche Verwirrungen und Verzweiflungen sich aus den heutigen multimedialen Informationsfluten ergeben. Dass es objektive Botschaften nicht wirklich geben kann, weil sie subjektiv gefiltert werden, ist zwar seit Jahrzehnten bekannt, wie sich aber vor allem kommerziell motivierte und manipulierte Informationen heute auf unser seelisches und soziales Wohlbefinden auswirken, wird in der gebotenen Schärfe hier sehr viel klarer. Und auch gibt zu denken, dass echter Journalismus mit seriöser Recherche und einer glaubwürdigen Absicht zur Wahrheitsfindung oder zumindest ausgewogenen Berichterstattung der globalen Digitalisierung mit all ihren ökonomischen Zwängen zum Opfer gefallen ist. Jedenfalls ist es kaum noch möglich, aus diesen Informationsstrudeln die für ein guten Leben oder auch Überleben wirklich relevanten „Informationstropfen“ zu erkennen und zu würdigen. Überhaupt verpufft auch gute und wichtige Information, wenn sie ausschließlich kognitiv vermittelt wird und nicht auch „unter die Haut geht“. Das Drama ist nun, dass diese emotionale Aufladung eher nicht über Freude und Begeisterung erfolgt, sondern über Beunruhigung, Verunsicherung und Verängstigung.
Um hier einen Ausweg für den Einzelnen wie für die Gesellschaft, insbesondere aber für junge Menschen zu finden, die in dramatischer Weise an „Smartphonitis & Co“ leiden, rufen die Autoren die beiden dominierenden natürlichen Grundbedürfnisse in Erinnerung: Zum einen das Bedürfnis nach Verbundenheit, zum anderen nach Autonomie und Gestaltungsfreiheit. Und hier wiederum – man erkennt das Hüther´sche Kernanliegen – wird das urmenschliche Drängen nach Entfaltung der individuellen Potentiale (als Beitrag zur gemeinsamen Weiterentwicklung) durch den Missbrauch als Objekt fremder Erwartungen, Interessen, Ziele und Werte blockiert – sei es bewusst oder unbewusst. Hier sind sicher Eltern und Lehrkräfte aller Art ganz besonders angesprochen, wenn es darum geht, wenn es um den Respekt für die weitestgehend selbstregulierte Eigenentwicklung von Kindern und Jugendlichen geht.
Die Botschaft des Buches zielt also vor allem darauf, die hinter all der Informationsgier und der Sucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung durch „clicks and likes“ lauernde Bedürftigkeit zu erkennen und wieder auf eine gesunde, gehirnfreundliche und gesellschaftlich wünschenswerte Weise zu befriedigen.

Michael Franz